- AutorIn
- Lisa Rahnert
- Titel
- Nosokomial erworbene systemische Infektionen bei schwerverletzten Patient*innen mit einem ISS≥16
- Zitierfähige Url:
- https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bsz:15-qucosa2-1008297
- Datum der Einreichung
- 26.11.2024
- Datum der Verteidigung
- 04.11.2025
- Abstract (DE)
- Unsere Studie untersuchte 195 schwerverletzte (ISS≥16) Patient*innen in den Jahren von 2012 bis 2019, welche am Universitätsklinikum Leipzig behandelt wurden. Von diesen entwickelten 117 Patient*innen (60%) mindestens eine nosokomiale Infektion (Abbildung 4). Die häufigste infektiöse Komplikation stellte die Pneumonie (75/195; 38,5%), gefolgt von HWI (44/195; 22,6%), BSI (39/195; 20%) und postoperativer Wundinfektion (29/195; 14,9%) dar (Abbildung 6). Von den 117 (60%) Patient*innen mit mindestens einer Infektion entwickelten 68 (34,9%) Patient*innen eine, 30 (15,4%) Patient*innen zwei, 17 (8,7%) Patient*innen drei und 2 (1%) Patient*innen vier infektiöse Komplikationen. Dabei wurden BSI gehäuft am zehnten Hospitalisationstag, Pneumonien am fünften Tag, HWI am sechsten und 14. Tag und Wundinfektionen am sechsten Tag diagnostiziert. Der Erwerb einer nosokomialen Infektion stand dabei in signifikantem Zusammenhang mit verlängerten Liegedauern auf der Intensivstation (25±22 vs. 9±16 Tage; p<0,0001) und im Krankenhaus (30±21 vs. 21±14 Tage; p<0,0001). Diese signifikanten Korrelationen hinsichtlich verlängerter intensivstationärer (BSI: 31±30 vs. 17±19 Tage; p<0,0001; PN: 25±22 vs. 13±20 Tage; p<0,0001; HWI: 28±21 vs. 17±20; p<0,0001; WUND: 31±26 vs. 18±19 Tage; p=0,0002) und gesamtstationärer Aufenthaltsdauer (BSI: 37±29 vs. 25±18 Tage; p=0,0009; PN: 30±19 vs. 24±20 Tage; p=0,0021; HWI: 31±20 vs. 25±18; p=0,0020; WUND: 51±35 vs. 24±17 Tage; p<0,0001) galten für alle vier untersuchten infektiösen Komplikationen. Ein sozioökonomischer Vergleich von Patient*innen mit und ohne infektiöse Komplikationen erbrachte eine starke Korrelation zwischen erhöhten Gesamtkosten und verlängerter Krankenhausliegedauer. Leferings Kostenschätzung von 2007/08, angepasst um 34% im Rahmen der Kostensteigerung von 2% pro Jahr bis 2024, ergab Behandlungskosten von 1152€ pro Tag auf der Intensivstation und 531€ pro Tag auf der Normalstation. Patient*innen mit Infektionen blieben ca. 16 Tage länger auf der ITS und fünf Tage länger auf der Normalstation, was zu durchschnittlichen Gesamtbehandlungskosten von 42.150€ führte. Bei Patient*innen ohne Infektion, betrugen die Gesamtkosten demgegenüber nur 22.432€ [31, 42]. In unserer Studie wurde eine erhöhte Mortalität bei Auftreten nosokomialer Blutstrominfektionen (38,5% vs. 13,5%, p=0,0008) und Pneumonien (26,7% vs. 13,3%, p=0,0320) nachgewiesen. Besonders das Auftreten sekundärer BSI, die von einem primären Infektionsherd ausgingen, war mit einer signifikant verringerten Überlebenswahrscheinlichkeit assoziiert (siehe Kaplan Meier Kurve in Abbildung 7). Innerhalb unseres Studienkollektivs konnte die höchste Mortalität an Tag sieben, unabhängig vom Auftreten einer Infektion, beobachtet werden, wobei sich ein Zusammenhang zwischen erhöhter Mortalität und Anzahl infektiöser Komplikationen annehmen ließ (Abbildung 8). Bezüglich potenzieller Risikofaktoren nosokomialer Infektionen ergaben sich in der univariaten Analyse folgende Zusammenhänge: Nosokomiale BSI korrelierten signifikant mit der Anzahl an operativen Eingriffen (3±6 vs. 2±2; p=0,0151), EK-Gabe innerhalb der ersten 48 Stunden auf Intensivstation (2±5 vs. 0±2; p=0,0026) und verlängerter Dauer auf ITS (31±30 vs. 17±19 Tage; p<0,0001). Pneumonien waren signifikant mit der Intubationsrate (96% vs. 81%; p=0,0019), Dauer der maschinellen Beatmung (16±15 vs. 5±13 Tage; p<0,0001), erhöhtem ISS (33±18 vs. 27±14; p=0,0013), schweren Kopfverletzungen (4±2 vs. 4±3; p=0,0080) und längerer Dauer der Intensivpflichtigkeit (25±22 vs. 13±20 Tage; p<0,0001) assoziiert. HWI standen signifikant mit dem weiblichen Geschlecht (34,1% vs. 17,2%; p=0,0273) und verlängerter ITS-Dauer (28±21 vs. 17±20 Tage; p<0,0001) in Zusammenhang. Es ergaben sich signifikante Korrelationen zwischen postoperativen Wundinfektionen und ISS (36±11 vs. 27±14; p=0,0002), erhöhter Verletzungsschwere des Thorax (4±1 vs. 3±4; p=0,0046), Abdomens (3±4 vs. 0±2; p<0,0001) bzw. des Beckens/Extremitäten (3±2 vs. 1,5±2; p<0,0001), gehäufter OP-Anzahl (7±7 vs. 2±2; p<0,0001), erniedrigtem Hb-Wert bei Ankunft im Schockraum (11±2 vs. 13±2 g/dL; p=0,0002) und erniedrigtem systolischem Blutdruck (92±40 vs. 130±40 mmHg; p<0,0001), vermehrter Kristalloid- (1±1,4 vs. 0,5±0,5 L; p=0,0029) sowie EK- Gabe im Schockraum (3±6 vs. 0±0; p<0,0001) und in den ersten 48 Stunden auf ITS (2±5,5 vs. 0±2; p<0,0001), sowie längerer Liegedauer auf der ITS (31±26 vs. 18±19 Tage; p=0,0002). In der multivariaten linearen Regressionsanalyse wiesen BSI (OR 1,04; 95% CI 1,02-1,07; p=0,0016), nosokomiale Pneumonien (OR 1,03; 95% CI 1,01-1,06; p=0,0039) und Harnwegsinfektionen (OR 1,04; 95%CI 1,02-1,06; p=0,0005) eine signifikante Korrelation mit einem längeren intensivstationären Aufenthalt auf. Zudem konnte ein signifikanter Zusammenhang zwischen postoperativen Wundinfektionen und einer erhöhten Anzahl von operativen Eingriffen festgestellt werden (OR 1,81; 95% CI 1,27-2,79; p=0,0028). Innerhalb der vier untersuchten infektiösen Komplikationen fanden sich vorrangig Enterobakterien, insbesondere E. coli (BSI: 53,8%; Pneumonie: 27,9%; HWI: 46,7%; Wundinfektion: 31%), gefolgt von Staphylococcus aureus bei Blutstrominfektionen (24%) und Pneumonien (26,4%) bzw. Enterokokken (vor allem Enterococcus faecalis) bei Harnwegs- (16,7%) und postoperativen Wundinfektionen (21,6%) (siehe Tabelle 19). Bei 21/117 (18%) Infektfällen ließ sich ein multiresistenter Erreger nachweisen, wobei Enterobakterien mit ESBL bzw. 3-/4-MRGN Resistenzverhalten (kumulativ 17 Nachweise) gehäuft auftraten. Die kalkulierte antibiotische Therapie erfolgte, unabhängig vom Infektionsort, hauptsächlich mit Beta-Laktamen/BLI (BSI: 47,5%; Pneumonie: 59,6%; HWI: 51,6%; Wundinfektion: 24,0%). Alternativen stellten bei Blutstrominfektionen Glykopeptide (25,0%) oder Carbapeneme (15,0%), bei Pneumonien bzw. HWI Cephalosporine (PN: 23,9%; HWI: 16,1%) oder Fluorchinolone (PN: 5,5%; HWI: 9,7%) und bei Wundinfektionen Carbapeneme (14,0%) oder Glykopeptide (14,0%) dar (Tabelle 22). Die initiierten kalkulierten Therapien entsprachen, mit Ausnahme der nosokomialen Pneumonien und Wundinfektionen, den Empfehlungen des hausinternen Antiinfektiva-Leitfadens. In unserer Studie wurden Pneumonien anstelle der empfohlenen kalkulierten Therapie mit Carbapenemen (3,7%) vermehrt mit Cephalosporinen (23,9%) behandelt, wobei sich ebenfalls ein verbessertes Überleben in der Behandlungsgruppe der Cephalosporine feststellen ließ (11,5% vs. 25,0%, p=0,4545; Tabelle 23). Anstatt der Gabe von Cephalosporinen (7,8%) oder MLS-Antibiotika (0,8%), kam es bei Wundinfektionen gehäuft zum Einsatz von Carbapenemen (14,0%) oder Glykopeptiden (14,0%). Dabei ließ sich kein signifikanter Mortalitätsunterschied zwischen den Behandlungsgruppen nachweisen (MortalitätCephalo+MLS 45,5% vs. MortalitätPenem+Glykopeptid 44,4%; p=1,0000). Rezidiv-Infektionen wurden meistens mit einem Carbapenem (38,1%) oder Beta-Laktam-Antibiotikum (19,0%) kalkuliert behandelt. Im Gesamtvergleich ließ sich überraschenderweise weder ein Überlebensvorteil bei der kalkulierten Therapie mit einem Beta-Laktam als erste Wahl (MortalitätBLI 27,6% vs. Mortalitätnon-BLI 31,2%; p=0,6643) noch eine Überlegenheit von Carbapenemen gegenüber Cephalosporinen (MortalitätPenem 42,1% vs. MortalitätCephalo 23,9%; p=0,1230) nachweisen. In unserer Studie konnte kein Zusammenhang zwischen unwirksamer (Gruppe aus „nicht resistogrammgerechter“ und „fehlender“) kalkulierter Therapie und erhöhter Mortalität, unabhängig des Infektionsortes, festgestellt werden. Jedoch wiesen Patient*innen mit HWI und wirksamer kalkulierter Therapie eine signifikant kürzere Liegedauer im Krankenhaus (25±19 vs. 39±17 Tage; p=0,0339) auf. Anders als erwartet, hatte eine resistogrammgerechte kalkulierte Therapie bei BSI, Pneumonien und Wundinfektionen keinen positiven Einfluss auf die ITS- und Krankenhausliegedauer. Bei Vergleich des Einflusses einer fehlenden kalkulierten Therapie ließen sich in unserem Studienkollektiv, unabhängig der infektiösen Komplikation, keine Nachteile hinsichtlich erhöhter Mortalität bzw. verlängerter ITS- und Krankenhausaufenthaltsdauer nachweisen. Unsere Studie zeigt im Ergebnis, dass das Auftreten nosokomialer Infektionen bei schwerverletzten Patient*innen die Ressourcen der medizinischen Versorgung erheblich belastet. Dies lässt sich an längeren Krankenhausaufenthalten, vermehrten Kosten und erhöhten Sterblichkeitsraten erkennen. Besonders Blutstrominfektionen und Pneumonien zeigen eine bedeutende Assoziation mit einem ungünstigen Krankheitsverlauf. Dies betont die Dringlichkeit präventiver Maßnahmen sowie einer wirksamen antibiotischen Therapie.
- Freie Schlagwörter (DE)
- Trauma
- Poyltrauma
- Nosokomiale Infektion
- Antibiotika
- Kalkulierte Therapie
- Intensivstation
- Klassifikation (DDC)
- 610
- Den akademischen Grad verleihende / prüfende Institution
- Universität Leipzig, Leipzig
- Version / Begutachtungsstatus
- publizierte Version / Verlagsversion
- URN Qucosa
- urn:nbn:de:bsz:15-qucosa2-1008297
- Veröffentlichungsdatum Qucosa
- 05.12.2025
- Dokumenttyp
- Dissertation
- Sprache des Dokumentes
- Deutsch
- Lizenz / Rechtehinweis
CC BY 4.0- Inhaltsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis IV Abkürzungsverzeichnis VI 1 Einführung 1 1.1 Die Rolle schwerverletzter Patient*innen im deutschen Gesundheitssystem 1 1.2 Das Trimodale Sterblichkeitsmodell als Basis der Grundlagenforschung 2 1.3 Behandlungsalgorithmen schwerverletzter Patient*innen 3 1.3.1 Phase A – Präklinische Phase 3 1.3.2 Phase B – Schockraumphase 4 1.3.3 Phase C – Stabilisierungsphase auf Intensiv- und Normalstation 5 1.4 Pathophysiologische Mechanismen bei Schwerverletzten 6 1.5 Unterschied zwischen schwerverletzten und polytraumatisierten Patient*innen 8 1.6 Infektionsforschung bei polytraumatisierten Patient*innen im Fokus 9 1.7 Definition der Sepsis 10 2 Aufgabenstellung 13 3 Material und Methoden 14 3.1 Studiendesign 14 3.2 Datenerfassung und Datenauswertung 14 3.2.1 Patient*innenkollektiv 14 3.2.2 Ein- und Ausschlusskriterien 15 3.2.3 Kohortenaufteilung 17 3.2.4 Dokumentationszeitraum und Endpunkte 17 3.3 Patient*innendaten 17 3.4 Mikrobiologisches Assessment 19 3.4.1 Einteilung nachgewiesener Mikroorganismen 19 3.5 Definitionen studienrelevanter nosokomialer Infektionen 21 3.5.1 Blutstrominfektion 21 3.5.2 Pneumonie 22 3.5.3 Harnwegsinfektion 23 3.5.4 Postoperative Wundinfektion 23 3.6 Rezidive 24 3.7 Empirische antiinfektive Therapie 24 3.7.1 Definition 24 3.7.2 Matching kalkulierter Therapie mit identifizierten Erregern 24 3.8 Auswertung 25 4 Ergebnisse 26 4.1 Demographie des Studienkollektivs 26 4.2 Häufigkeit der erfassten nosokomialen Infektionen 27 4.2.1 Blutstrominfektionen 28 4.2.2 Einfluss kumulierter Infektionsraten auf die Mortalität 28 4.3 Risikofaktoren untersuchter nosokomial erworbener Infektionen 29 4.3.1 Blutstrominfektionen 29 4.3.2 Pneumonien 31 4.3.3 Harnwegsinfektionen 32 4.3.4 Postoperative Wundinfektionen 33 4.4 Einfluss nosokomial erworbener Infektionen auf die Mortalität 35 4.4.1 Blutstrominfektion 35 4.4.2 Pneumonie 36 4.4.3 Harnwegsinfektion 36 4.4.4 Wundinfektion 37 4.4.5 Rezidiv 37 4.4.6 Überlebenszeitanalyse nach Kaplan-Meier 38 4.5 Deskriptive Analyse von Erregerspektren 42 4.5.1 Erregerspektrum bei Blutstrominfektionen 45 4.5.2 Erregerspektrum bei Pneumonien 46 4.5.3 Erregerspektrum bei Harnwegsinfektionen 47 4.5.4 Erregerspektrum bei postoperativen Wundinfektionen 48 4.5.5 Erregerspektrum bei Rezidiven 49 4.6 Kalkulierte antibiotische Therapien 50 4.6.1 Blutstrominfektionen 53 4.6.2 Pneumonien 54 4.6.3 Harnwegsinfektionen 55 4.6.4 Wundinfektionen 56 4.6.5 Rezidive 58 4.6.6 Zusammenhang zwischen Wirksamkeit einer kalkulierten antibiotischen Therapie und Outcome 59 4.6.7 Zusammenhang zwischen Initiierung einer kalkulierten antibiotischen Therapie und Outcome 60 5 Diskussion 61 5.1 Risikofaktoren infektiöser Komplikationen 63 5.2 Nachgewiesene Mikroorganismen 66 5.3 Kalkulierte antimikrobielle Therapie 67 5.4 Outcome 71 5.5 Einfluss kalkulierter Therapie auf das Outcome 73 5.6 Stärken und Limitationen 76 6 Zusammenfassung der Arbeit 78 Literaturverzeichnis 82 Anlagen 89 I. SOFA-Score 89 II. Klinikinternes Schockraumprotokoll 90 III. TR-DGU Standardbogen 91 Selbstständigkeitserklärung 96 Lebenslauf 97 Danksagung 98