- AutorIn
- Dr. med. Alexandra Krasselt
- Titel
- Psychiatrische Rehabilitation im Wandel: Berufliche Teilhabe in der DDR und ihre Bedeutung für die Gegenwart
- Zitierfähige Url:
- https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bsz:15-qucosa2-1058938
- Datum der Einreichung
- 28.08.2025
- Datum der Verteidigung
- 11.06.2026
- Abstract (DE)
- Berufliche Tätigkeit besitzt für Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen eine zentrale Bedeutung. Sie stärkt Selbstwirksamkeit, wirkt identitätsstiftend, vermittelt Tagesstruktur und fördert psychische Stabilisierung sowie gesellschaftliche Teilhabe. Die therapeutische Nutzung von Arbeit reicht historisch weit zurück. Im 19. Jahrhundert markierte das „Moral Treatment“ einen Wendepunkt der psychiatrischen Behandlung. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelten Gustav Kolb mit der „Offenen Fürsorge“ und Hermann Simon mit der „aktiveren Krankenbehandlung“ diese Ansätze weiter und prägten frühe arbeitstherapeutische sowie sozialpsychiatrische Reformansätze in Deutschland. Im Mittelpunkt der Dissertation steht die Analyse zentraler sozialpsychiatrischer Reformimpulse der DDR, insbesondere der Rodewischer Thesen (1963) und der Brandenburger Thesen (1974/76). Die Rodewischer Thesen forderten eine gemeindenahe psychiatrische Versorgung mit Dispensaires, die Verzahnung von Behandlung, Rehabilitation und sozialer Unterstützung sowie eine stärkere Orientierung an den individuellen Bedürfnissen der Patient:innen. Die Brandenburger Thesen griffen diese Ansätze auf und entwickelten sie weiter. Sie betonten die „Therapeutische Gemeinschaft“, stärkere Patientenbeteiligung, den Abbau von Verwahrstrukturen sowie die Förderung beruflicher Qualifizierung und Teilhabe durch Arbeitstherapie. Beide Reformdokumente legten besonderen Wert auf sektorenübergreifende Kooperation und die enge Verbindung zwischen medizinischer, beruflicher und sozialer Rehabilitation. Die Rodewischer Thesen entstanden aus der klinischen Praxis heraus. Trotz regional unterschiedlicher Umsetzung prägten sie Arbeitstherapie, gemeindenahe Versorgung und sektorenübergreifende Zusammenarbeit und gelten gemeinsam mit den Brandenburger Thesen als Wegbereiter moderner, teilhabeorientierter Versorgungskonzepte. Ein innovativer Beitrag dieser Dissertation besteht in der erstmaligen systematischen Auswertung russischsprachiger Originalquellen. Sie belegt den erheblichen Einfluss sowjetischer Konzepte wie Dispensaire-Versorgung, Sektorisierung und stufenweiser beruflicher Eingliederung auf die Psychiatrie der DDR. Zugleich zeigt die Untersuchung, dass diese Konzepte an die politischen und organisatorischen Bedingungen der DDR angepasst und weiterentwickelt wurden. Besonders die Werke von Kabanov, Mazur, Serebrjakova, Krasik und Volovik prägten das Verständnis von Arbeitstherapie, Rehabilitation und sozialer Teilhabe. Die psychiatrische Rehabilitation der DDR war durch Dispensaires, Tages- und Nachtkliniken sowie geschützte Werkstätten geprägt. Eine Besonderheit stellte die strukturierte Frührehabilitation dar. Zudem war die Arbeitstherapie gesetzlich geregelt und sollte grundsätzlich entlohnt werden. Dadurch wurde berufliche Teilhabe strukturell im Versorgungssystem der DDR verankert. Gleichzeitig zeigte sich eine deutliche Ambivalenz zwischen Anspruch und Realität: Die praktische Umsetzung scheiterte häufig an Personal- und Ressourcenmangel. Zudem kam es teilweise zum Missbrauch der Arbeitstherapie. Nicht selten mussten Patient fremdbestimmte und monotone Tätigkeiten ausüben, sodass nur wenig Raum für individuelle Förderung und Gestaltung blieb. Die Umsetzung dieser Reformimpulse zeigte sich exemplarisch in Leipzig, Neuruppin und Haldensleben. Dort belegen Reformmodelle, dass gemeindenahe, sektorenübergreifende Versorgung und berufliche Integration auch unter den restriktiven Bedingungen der DDR realisierbar waren. In Leipzig entwickelten Klaus Weise und Achim Thom einen eigenständigen sozialpsychiatrischen Reformansatz mit wohnortnaher Betreuung, Tagesstrukturen, geschützten Arbeitsplätzen, therapeutischen Klubs und Rehabilitationshilfen. In Neuruppin entstand eine funktionale Einheit aus stationärer und ambulanter Versorgung, während in Haldensleben Klinik, Kreisverwaltung und regionale Betriebe bei der beruflichen Wiedereingliederung psychisch Erkrankter zusammenarbeiteten. Diese Modelle gelten als richtungsweisend für moderne gemeindepsychiatrische Versorgungskonzepte. Der Vergleich zwischen DDR und Bundesrepublik zeigt, dass beide Staaten wichtige Reformimpulse entwickelten, nachhaltige berufliche Teilhabe psychisch erkrankter Menschen jedoch aus unterschiedlichen Gründen nur unzureichend erreichten. Während die DDR durch zentralistische Strukturen, Arbeitszwang und ideologische Vorgaben begrenzt war, erschwerten in der Bundesrepublik fragmentierte Zuständigkeiten sowie die unzureichende Koordination von Behandlung, Rehabilitation und Nachsorge die Umsetzung der Reformen. Zwar löste die Psychiatrie-Enquête von 1975 grundlegende Reformen aus, Arbeit und berufliche Rehabilitation blieben jedoch zunächst randständig. Beide Systeme verfehlten trotz unterschiedlicher Voraussetzungen eine nachhaltige Verzahnung medizinischer, beruflicher und sozialer Rehabilitation. Traditionelle Rehabilitationsmodelle wie „first train, then place“ und das Stufenleiterprinzip erwiesen sich in der Praxis vielfach als wenig nachhaltig. Lange Wartezeiten, hohe Abbruchquoten sowie Schwierigkeiten beim Übergang in eigenes Wohnen oder den allgemeinen Arbeitsmarkt beruhen häufig weniger auf der psychiatrischen Erkrankung selbst als auf überholten Rehabilitationskonzepten. Die Dissertation betont daher die Notwendigkeit, berufliche Teilhabe frühzeitig in den psychiatrischen Behandlungsprozess zu integrieren, idealerweise bereits während der Akutversorgung. Erforderlich ist ein Perspektivwechsel weg von standardisierten Rehabilitationspfaden hin zu flexiblen, personenzentrierten Konzepten, die individuelle Lebenssituationen, Bedürfnisse und Teilhabewünsche in den Mittelpunkt stellen. Evidenzbasierte Ansätze wie Supported Employment, insbesondere Individual Placement and Support (IPS), sowie Supported Housing ermöglichen einen unmittelbaren Zugang zu Arbeit und Wohnen ohne langwierige Vorstufen. Durch bedarfsorientierte Begleitung erzielen sie höhere Integrationsraten und fördern die Stabilität im Lebensalltag. Trotz positiver Evidenz bleibt Supported Employment in Deutschland bislang lückenhaft umgesetzt. Das IPS-Modell wird nur regional begrenzt angeboten; Ursachen sind unzureichende Finanzierungsstrukturen, rechtskreisübergreifende Zuständigkeitskonflikte, fehlende Verankerung in der psychiatrischen Regelversorgung sowie mangelnde verbindliche Kooperationen mit therapeutischen Teams. Auch eine kontinuierliche Begleitung über sechs Monate hinaus, die für nachhaltige Teilhabe entscheidend ist, fehlt häufig. Gesetzliche Grundlagen wie das SGB IX und Bundesteilhabegesetz schaffen wichtige Rahmenbedingungen für berufliche Teilhabe, ihre Umsetzung scheitert jedoch häufig an bürokratischen Hürden, sektoralen Zuständigkeiten und mangelnder Flexibilität. Flächendeckende Angebote wie IPS oder niedrigschwellige Übergangsstrukturen nach der Akutbehandlung bleiben vielerorts die Ausnahme. Modellprojekte wie LIPSY (Leipzig – Individual Placement and Support) und das Leipziger Supported Housing zeigen, dass sektorenübergreifende, personenzentrierte Versorgung unter Alltagsbedingungen gelingen kann. Durch individuelle Begleitung, interdisziplinäre Zusammenarbeit und niedrigschwellige Zugänge zu Arbeit und Wohnen fördern sie soziale Teilhabe, Stabilität und subjektives Wohlbefinden. Für eine Überführung solcher Projekte in die Regelversorgung braucht es klare Zuständigkeiten, langfristige Finanzierungsmodelle, gesetzlich gesicherte Jobcoach-Stellen, verbindliche Kooperationspflichten zwischen Kliniken und Leistungsträgern sowie nachhaltige Arbeitgebernetzwerke. Die Wirksamkeit moderner Rehabilitationsansätze setzt die konsequente Verbindung wissenschaftlicher Evidenz, praktischer Umsetzung und Betroffenenorientierung voraus. Zukunftsfähige Versorgungsmodelle müssen entwicklungsfähig und strukturell abgesichert sein. Eine inklusive Arbeitswelt lässt sich nicht allein durch Einzelprojekte verwirklichen, sondern erfordert die Weiterentwicklung gesetzlicher Rahmenbedingungen, den Abbau systemischer Grenzen, interdisziplinäre Zusammenarbeit und die Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen. Internationale Vorgaben wie die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) unterstreichen diesen Wandel: Nicht die Betroffenen sollen sich an bestehende Strukturen anpassen, sondern die Gesellschaft ist gefordert, Barrieren abzubauen und inklusive, flexible Angebote zu schaffen. Die Dissertation schließt eine Forschungslücke, indem sie historische, politische und organisatorische Aspekte psychiatrischer Rehabilitation mit aktuellen Versorgungsfragen verbindet. Der interdisziplinäre Ansatz eröffnet neue Perspektiven auf Teilhabe und Rehabilitation; insbesondere die Analyse russischsprachiger Fachtexte erweitert das Verständnis sowjetischer Einflüsse auf die DDR-Psychiatrie. Die Verbindung von Archivarbeit und theoretischer Auswertung verdeutlicht die historische Entwicklung der Versorgung und den heutigen Handlungsbedarf für gelingende Teilhabe. Forschung und Praxis müssen künftig enger verzahnt werden, um langfristig gerechte und wirksame Rehabilitationsmodelle zu ermöglichen. Die historische Analyse zeigt, dass viele heutige Herausforderungen bereits in früheren Reformkonzepten angelegt waren, und liefert wichtige Impulse für die Weiterentwicklung einer teilhabeorientierten psychiatrischen Versorgung.
- Freie Schlagwörter (DE)
- psychiatrische Rehabilitation, berufliche Teilhabe, DDR, Sowjetunion
- Klassifikation (DDC)
- 610
- GutachterIn
- Prof. Dr. phil. Silvia Krumm
- Prof. Dr. med. Ekkehardt Kumbier
- BetreuerIn Hochschule / Universität
- Prof. Dr. rer. medic. habil. Holger Steinberg
- Prof. Dr. med. Katarina Stengler
- Den akademischen Grad verleihende / prüfende Institution
- Universität Leipzig, Leipzig
- Version / Begutachtungsstatus
- angenommene Version / Postprint / Autorenversion
- URN Qucosa
- urn:nbn:de:bsz:15-qucosa2-1058938
- Veröffentlichungsdatum Qucosa
- 10.07.2026
- Dokumenttyp
- Dissertation
- Sprache des Dokumentes
- Deutsch
- Lizenz / Rechtehinweis
CC BY-NC-ND 4.0- Inhaltsverzeichnis
1 Einführung 3 1.1 Überblick 3 1.2 Motivation 4 1.3 Ausgangslage und historische Entwicklung psychiatrischer Rehabilitation 5 1.4 Versorgungspraxis in der DDR und sowjetische Einflussfaktoren 6 1.5 Reformprozesse in der Bundesrepublik und Ost-West-Diskurse in der Psychiatrie 7 1.6 Ziel der Arbeit und aktueller Forschungsbedarf 9 1.7 Methodik 10 1.8 Zentrale Literatur zur psychiatrischen Rehabilitation 11 1.9 Ausblick und aktuelle Entwicklungen in der psychiatrischen Rehabilitationsforschung 13 2 Publikationen 15 2.1 Berufliche Teilhabe am Arbeitsleben von Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen: gestern und heute eine Herausforderung 16 2.2 Die psychiatrische Rehabilitation in der DDR vor dem Hintergrund sowjetischer Einflüsse 25 3 Zusammenfassung 32 4 Literaturverzeichnis 39 5 Spezifizierung des eigenen wissenschaftlichen Beitrags 47 6 Erklärung über die eigenständige Abfassung der Arbeit 49 7 Lebenslauf 50 8 Danksagung 53