- AutorIn
- M. Sc. Psych. Zeki Efe
- Titel
- Kinder und Jugendliche chatten in psychischen Krisen: Evaluierung des 24/7 verfügbaren Messenger-basierten Chat-Beratungsangebots „krisenchat“ hinsichtlich Nutzungsverhalten und Sprachgebrauch
- Zitierfähige Url:
- https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bsz:15-qucosa2-955364
- Datum der Einreichung
- 05.06.2024
- Datum der Verteidigung
- 15.01.2025
- Abstract (DE)
- Die Adoleszenz gilt als eine entscheidende Phase für die Entwicklung sozialer und emotionaler Fertigkeiten, die für das psychische Wohlbefinden wichtig sind. Sie birgt aufgrund ihrer biologischen, sozialen und emotionalen Veränderungen und Herausforderungen eine erhöhte Vulnerabilität für psychische Erkrankungen. Daher erscheint eine frühzeitige Intervention zur Verringerung des Risikos einer Verschlechterung, Wiederkehr oder Chronifizierung der Symptome besonders wichtig. Dennoch sind das Hilfesuchverhalten und die Inanspruchnahme von Behandlungen bei der Mehrheit der Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit psychischen Erkrankungen gering. Dies kann unter anderem mit dem allgemeinen fehlenden Verständnis für die Bedürfnisse dieser Bevölkerungsgruppe zusammenhängen, das sich auf die Entwicklung und Umsetzung von Hilfsangeboten auswirkt. Dabei bekommt der Einsatz digitaler Medien eine besondere Rolle, denn junge Menschen nutzen das Internet als leicht zugängliches und alltägliches Werkzeug, um eigene und schnelle Lösungen für ihre Probleme zu finden. Repräsentative Zahlen zur Mediennutzung von Jugendlichen in Deutschland zeigen, dass fast alle Jugendlichen ein Smartphone besitzen und dieses auch für Kommunikationszwecke nutzen – wobei das Chatten via WhatsApp als primäres Kommunikationsmittel benannt wurde. Unter Berücksichtigung der Präferenzen junger Menschen wurden auf dieser Basis in den letzten Jahren verschiedene chat-basierte Beratungsdienste entwickelt. Ein Beispiel für ein solches Angebot ist krisenchat (https://www.krisenchat.de) – ein Messenger-basiertes, psychosoziales Chat-Beratungsangebot für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene bis 25 Jahren. Das Angebot kann kostenlos und rund um die Uhr via WhatsApp oder SMS genutzt werden. Auf Berater:innen-Seite erhalten Nutzer:innen eine pseudonymisierte Chat-ID, sodass die Anonymität gewahrt wird. Telefonnummer und Profilbild werden ausgeblendet. Ebenso sind nur Textnachrichten möglich, Bild-, Video, oder Audionachrichten sind nicht zulässig und werden nicht übertragen. Die Berater:innen sind ehrenamtlich tätige Personen mit einem psychosozialen Bildungshintergrund, die zusätzlich ein strukturiertes On-Boarding zur Chat-Beratung durchlaufen. Bei akuten Fällen, wie bspw. der Kindeswohlgefährdung, wird ein internes Spezial-Team eingeschaltet, welche den Fall übernimmt, den Verdacht auf Kindeswohlgefährdung prüft und den:die Nutzer:in ggf. entsprechend der hierfür etablierten Standards berät. Beratungsdienste wie krisenchat zielen oft auf einmalige Kriseninterventionen und die anschließende Weiterempfehlung an professionelle Anlaufstellen ab. Dennoch gibt es Nutzer:innen, die solche Dienste häufiger nutzen als primär angedacht, und dadurch übermäßig viele Kapazitäten in Anspruch nehmen. Im Kontext von telefonischen Beratungsdiensten wurden solche „Vielnutzer:innen“ bereits vielfacht untersucht. Da das Forschungsfeld der Chat-Beratungen noch relativ jung ist, fehlt es an Charakterisierungen und Untersuchungen dieser Subgruppe im hiesig untersuchten Kontext. Zuletzt kommt es mit dem Wechsel in die geschriebene Sprache zum Fehlen nonverbaler Hinweise. Die Art und Weise, wie Menschen Worte verwenden, vermittelt viele Informationen, bewusste wie auch unbewusste Gedanken und Gefühle, über sie selbst und ihre aktuelle Situation, wodurch der Sprachgebrauch zu einer höchstrelevanten Informationsquelle wird. Ziel der drei Studien war es, das Chat-Beratungsangebot für junge Menschen krisenchat in seiner Akzeptanz und Umsetzbarkeit zu untersuchen (Studie 1). Anschließend galt es, die Subgruppe der Vielnutzer:innen im Chat-Kontext zu identifizieren, definieren und charakterisieren (Studie 2) und zuletzt, den Sprachgebrauch der Nutzer:innen zu untersuchen, mit dem Ziel, die Beratungsstrategie durch die Beobachtung des Sprachgebrauchs zu optimieren (Studie 3). Der:die durchschnittliche Nutzer:in von krisenchat ist 17 Jahre alt, weiblich und nahm erstmalig Kontakt mit dem Beratungsservice um ca. 16 Uhr auf. Über 60 % kontaktierten krisenchat zwischen 16 Uhr und Mitternacht, ca. 10 % sogar nach Mitternacht. Mehr als 50 % der Nutzer:innen gaben an, noch nie mit dem professionellen Gesundheitssystem Kontakt gehabt zu haben. Die häufigsten Themenbereiche der Anliegen der Nutzer:innen waren zu psychiatrischen Symptomen oder Erkrankungen (60,1 %), psychosozialen Belastungen (34,0 %) oder emotionalen Belastungen (30,2 %). Die Mehrheit der Nutzer:innen (64,7 %) gab an, sehr zufrieden mit dem Beratungsdienst gewesen zu sein, 88,3 % würden krisenchat anderen weiterempfehlen. Die vorliegenden Studienergebnisse bieten erstmalige Einblicke in das Nutzungsverhalten des Messenger-basierten Chat-Beratungsangebots krisenchat. Es kann bestätigt werden, dass ein derartiges Angebot von der Zielgruppe (Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen) mit hoher Nachfrage genutzt wird. Insgesamt wird eine hohe Akzeptanz und Durchführbarkeit des Beratungsangebots von krisenchat belegt. Dies wird durch eine hohe Nutzer:innenzufriedenheit unterstrichen. Derzeit gibt es keinen anderen Chat-Beratungsdienst für Kinder und Jugendliche im deutschsprachigen Raum, der nach 19 Uhr oder am Wochenende zur Verfügung steht, weshalb krisenchat ein geeignetes Angebot zur Beratung in Krisen zu sein scheint. Messenger-basierte Chat-Beratung könnte darüber hinaus die Lücke zwischen Bedarf und niederschwellig Erstzugang zum Gesundheitssystem schließen. Das in telefonischen Beratungsdiensten mehrfach beobachtete und bereits untersuchte Phänomen der Vielnutzer:innen konnte nun erstmals im chat-basierten Beratungskontext repliziert, identifiziert und untersucht werden. Die sogenannten frequent chatters geben im Vergleich zur durchschnittlichen Nutzer:innen- Population häufiger schwerwiegendere psychische Belastungen an (Gewalt, Betroffene von schweren psychischen Symptomen wie Suizidalität oder Selbstverletzung) und die Hälfte von ihnen erhält bereits gleichzeitig professionelle Hilfe, was auf einen hohen Bedarf an Betreuung und sozialer Unterstützung schließen lässt. Vielnutzer:innen beanspruchen daher einen großen Teil der Kapazitäten von Berater:innen, wobei unklar bleibt, ob die Beratung langfristig erfolgreich ist und ob Vielnutzer:innen an geeignete Gesundheitsdienste weitervermittelt werden können. Angesichts der zunehmenden Entwicklung und Nutzung chat-basierter Beratungsdienste und der nachweislich hohen Zufriedenheit mit diesen Diensten, eröffnet sich ein Forschungsbereich, um Subgruppen, wie die der Vielchatter:innen, tiefergehend zu untersuchen, damit maßgeschneiderte Beratungsstrategien entwickelt werden können. Zudem laden die in der Studie angewandten Ansätze und Ideen dazu ein, alternative Definitionen zur Identifikation von Subgruppen innerhalb von chat-basierten Beratungsdiensten zu entwickeln und sie zu untersuchen. Zuletzt eröffnen die vorliegenden Studienergebnisse zur Untersuchung linguistischer Indikatoren Einblicke in die Möglichkeiten und Chancen der Berücksichtigung des Sprachgebrauchs in chat-basierten Beratungsdiensten. Durch die Beobachtung bestimmter Sprachmuster kann das Risiko für psychiatrische Symptome (insbesondere Depression sowie Suizidalität) eingeschätzt und Interventionen entsprechend angepasst werden. So kann der gezielte Einsatz von Wir-Pronomen ein Gefühl von sozialer Zugehörigkeit schaffen, welches auch als Schutzfaktor für Depressionen oder Suizidalität gilt. Auch kann dies auf Ebene der Beziehungsgestaltung ein Gefühl von Nähe herstellen, und somit dem Bindungsbedürfnis komplementär entgegenwirken, auf dessen Basis eine Beratung gelingen kann. Zuletzt können sprachliche Veränderungen, wie z.B. die Verringerung von Verneinungen und die Zunahme von Wörtern mit positiven Emotionen, auf eine Verbesserung des psychischen Gesundheitszustands der Nutzer:innen und eine positive Wirkung der Beratung hinweisen. Im aufstrebenden Feld der Chat-Beratung verdeutlichen die vorliegenden Studien die Wichtigkeit, psychische Gesundheit auch digital zu denken und weiterzuentwickeln. Dafür erscheint vertiefende und insbesondere längsschnittliche Forschung notwendig, um zugrundeliegende Prozesse der Chat-Beratung zu verstehen, um somit Beratungsangebote sowie -strategien zu optimieren.
- Freie Schlagwörter (EN)
- e-mental-health, helpline, chat counseling, youth, text-based, messenger
- Klassifikation (DDC)
- 610
- Den akademischen Grad verleihende / prüfende Institution
- Universität Leipzig, Leipzig
- Version / Begutachtungsstatus
- publizierte Version / Verlagsversion
- URN Qucosa
- urn:nbn:de:bsz:15-qucosa2-955364
- Veröffentlichungsdatum Qucosa
- 04.02.2025
- Dokumenttyp
- Dissertation
- Sprache des Dokumentes
- Deutsch
- Lizenz / Rechtehinweis
CC BY 4.0